Schneefall in den TropenReportagen aus Lateinamerika
Wolfgang Stock hat einige Zeit in Lateinamerika zugebracht. Wiederholt hat er privat und als Journalist den Kontinent von Mexiko bis Argentinien bereist und längere Zeit in Mexiko und Peru gelebt. Neugierig hat er große Augen gemacht und die Ohren gespitzt auf der Suche nach der eigentümlichen Faszination dieses Kulturkreises. Vieles hat er aufgeschrieben, manches wurde in Die Zeit, Rheinischer Merkur, Extrablatt Wien oder taz veröffentlicht. Heute lebt Wolfgang Stock mit seiner Familie in der Nähe Münchens und arbeitet als Herausgeber der Monatszeitschrift Spotlight und sechs weiterer Magazine.
Wolfgang Stock:
Schneefall in den Tropen
ISBN 978-3-8334-3830-1, 240 Seiten, Hardcover, 25,00 EUR
Das Buch kann in jeder Buchhandlung bestellt und erworben werden. Oder online über amazon.de
Inhalt
1. Als Werner Herzog und Mick Jagger in den Dschungel kamen
2. Weißer Koks und fauler Zauber
3. Nur ein Glas Milch
4. Tunguragua - der König aller Wasser
5. Der letzte Kampf des Ron Pope
6. Guter Schriftsteller und lausiger Präsident
7. Die Stadt des Wahnsinns
8. Am Samstagabend tanzt das halbe Dorf
9. Die Tränen der Sonne
10. Teddys kleines Fischerdorf
11. Ein Paradies für bunte Vögel
12. Das ist das wirkliche Leben, muchachos, und wir sind mitten drin
- Ein Mensch, der sich B. Traven nannte
13. Hoffnung über Elend und Glanz
14. Im Herbst des Patriarchen
15. Die schwarze Seele der Porteños
16. Gehörnte Männer und dreibrüstige Frauen
17. Laue Luft und kühle Brisen
18. Ein Saxophon will ins Exil
19. Genosse Barkeeper, wo ist der Maestro? – Spurensuche auf Cuba
Leseproben aus "Schneefall in den Tropen" - Reportagen aus Lateinamerika
Das ist das wirkliche Leben, muchachos,
und wir sind mitten drin
Ein Mensch, der sich B. Traven nannte
und wir sind mitten drin
Ein Mensch, der sich B. Traven nannte
Manchmal erscheint dieser Mensch genauso so rätselhaft, fast ebenso unergründlich und undurchschaubar wie dieses Land. Um dem Geheimnis dieses merkwürdigen Mannes auf die Spur zu kommen, fängt man am besten auf der Calle Rio Mississippi in Mexiko-Stadt an.
Die Calle Rio Mississippi im Cuauhtémoc-Viertel ist eine breite, verkehrsreiche Durchgangsstrasse, die den gewaltigen Paseo de la Reforma mit der Plaza Melchor Ocampo verbindet. In früheren Jahren gehörte das Viertel sicherlich zu den besseren der Stadt, doch seit die Reichen in die sauberen Vororte im Süden gezogen sind, haben die ambulanten Händler, die rauchigen, kleinen Kioskbuden mit ihren Comic- und Pornoblättchen und vor allem der Straßenverkehr die Herrschaft über die Rio Mississippi an sich gerissen. Das Leben auf ihr scheint wie betäubt vom Gedröhne des Alltagslärms und den Abgasen der unzähligen Autos zu sein. Vor ein paar Jahren noch wurde die Strasse von ein paar Dutzend grüner Dattelpalmen aufgeheitert, die man inzwischen jedoch gefällt hat, um Parkplätze für die Autos zu schaffen. Die Hausnummer 61 dieser Calle Rio Mississippi gehört einem dreistöckigen einfachen, fahlem Gebäude, das sich in das triste Grau des gesamten Straßenzuges einreiht.
Im Erdgeschoss befindet sich ein langgezogener Wohnraum mit Kamin, die dahinter liegende Terrasse führt hinaus in einem kleinen Garten. Eine Holztreppe leitet in die oberen Etagen des schmalen Hauses, in dem B. Traven zusammen mit seiner Frau Rosa Elena Luján und seinen beiden Stieftöchtern Rosa Elena und Maria Eugenia Montes de Oca Luján lebte. Maria Eugenia ist es, die nach dem Tod des mysteriösen Autors den literarischen Nachlass ihres Stiefvaters schützt.
Im dritten Stock des Hauses, der ‚Brücke‘, wie sie Traven seemännisch nannte, hatte der Autor sein Zimmer mit Bett, das zugleich sein Arbeitsraum war. Ein kleiner Balkon, der heute verglast ist, geht zur Calle Rio Mississippi. Die Familie sprach ihn nicht mit Vorname an, sondern nannte ihn Skipper. Auf dem Schreibtisch des Arbeitsraums steht noch heute Travens schwarze Remington-Schreibmaschine mit der er seine Briefe und Manuskripte verfasste. Hier schrieb er von spät morgens bis tief in die Nacht und nur ab und zu verließ er das Haus, um beispielsweise zum Hauptpostamt zu gehen, wo er über ein Postfach Kontakt hielt mit seinen Verlegern in aller Welt. Oder er besuchte mit seiner Familie sein Lieblingsrestaurant Bellinghausen, das von einem deutschen Emigranten gegründet worden war. Das Haus war Travens letztes Refugium eines turbulenten Lebens, und seine Familie schirmte den scheuen und misstrauischen alten Mann vor der Neugierde der Journalisten ab.
Die Biografie eines kreativen Menschen ist ganz und gar unwichtig. Meine persönliche Geschichte ist allein meine Angelegenheit und ich will sie für mich behalten.
Er wäre der uneheliche Sohn des Industriellen Emil Rathenau. Sein Bruder sei der Außenminister Walther Rathenau in der Weimarer Republik, bindet er seinem Freund, dem mexikanischen Kameramann und Regisseur Gabriel Figueroa einen veritablen Bären auf. Und einem jeden erzählte Traven eine andere Räuberpistole. Aber nicht nur Traven selbst, sondern auch Literaturforscher und Reporter strickten an den unzähligen Legenden. Er wäre der illegitime Sohn des letzten deutschen Kaisers, dann war er wieder nur ein norwegischer Seemann oder gar ein slowenischer Schafhirte, andere wollten in ihm den in Mexiko verschollenen nordamerikanischen Schriftsteller Ambrose Bierce wiedererkennen, nein, nein, man vermute, er wäre kein Geringerer als der mexikanische Präsident Adolfo López Mateos, der unter einem Pseudonym schreibe, alles Unsinn, hier stünde der amerikanische Abenteuerromancier Jack London wieder auf, der seinen Selbstmord nur vorgetäuscht habe, Holzweg, er wäre der Mecklenburger Matrose August Bibeljé, für andere war er ein arbeitsloser amerikanischer Tramp, wenig später ein Ingenieur, andere wollten herausgefunden haben, hinter B. Traven stecke ein fünfköpfiges Schreiberkollektiv, das in Honduras sitze - und so weiter und so fort, eine unendliche Geschichte...
Traven wollte als Persönlichkeit unentdeckt bleiben. Die Spuren und falschen Fährten vervielfachten sich, je mehr Nebelkerzen Traven und sein treuer Züricher Literaturagent Josef Wieder zündeten.
Ich fühle mich nicht als Person, die im breiten Licht stehen will. Ich fühle mich als Arbeiter, namenlos und ruhmlos. Der Setzer, der mein Buch setzt, ist genauso wichtig für die Kultur wie ich.
Da sich B. Traven nach wie vor scheu in seinem Haus in Mexiko-Stadt verkriecht und rar macht, gewinnen die Flunkereien um den mysteriösen Schriftsteller an Eigenleben. Dutzende Bücher werden geschrieben, welche die Jagd nach der wahren Identität dieses B. Travens schildern. Aber all diese mehr oder weniger in die Irre führenden Mutmaßungen bewirken nur, dass das Mysterium um den kleinen, argwöhnischen Mann aus der Calle Rio Mississippi 61 von Jahr zu Jahr wächst.
In Wirklichkeit war B. Traven der deutsche anarchistische Schriftsteller Ret Marut, wie seine Witwe Rosa Elena Luján nach dem Tod des Autors der Öffentlichkeit kund tat. Ret Marut war...
Hoffnung über Elend und Glanz
Palast über Blau
Durch die weit geöffnete Balkontür des Hotels dringt dieser feine süßliche Geruch ein, der so typisch ist für diese Stadt. Ein zarter, ein süßer Duft wie... Nein, nein, dazu später mehr.
Das kleine Marzipanpralinee liegt säuberlich auf dem weißen Kopfkissen. Das Laken des antiken Bettes ist für die Nacht frisch aufgeschlagen. Dabei mag man hier an der Avenida Atlantica eigentlich keine gute Nacht wünschen und auch bleibt die Neigung gering, ins Bett zu springen. Denn hier ist die Nacht zu heiß zum Schlafen, hier bleibt es selbst in tiefster Nacht hell. An einem solchen Ort und zu einer solchen Stunde wird das Weib zur Dürstenden und der Kerl zum Raubtier.
Mit zehn wird der Mann zum Tier,
mit zwanzig ist er ein Wahnsinniger,
mit dreißig ein Versager,
mit vierzig ein Schwindler
und mit fünfzig ein Verbrecher.
Das ist von dem Amerikaner Henry Miller aus Brooklyn und natürlich ist es von New York bis nach Rio de Janeiro ein gutes Stück. Aber irgendwie ist Millers nüchterne Einrede typisch für das siedende und glühende Rio, für eine brodelnde Stadt, in der es von Durchgeknallten, Liebestollen und Halunken nur so wimmelt.
Neben dem breiten Bett aus Mahagoniholz steht eine kleine braune Nachtkommode aus Edelholz. Auf ihr befindet sich eine Jugendstillampe mit vergoldetem Schaft. In der Schublade liegt eine Ausgabe des Neuen Testamentes. Aber irgendwie merkt man, dass in dem Buch nicht sonderlich viel gelesen wurde.
Der winzige Schreibtisch, der im rechten Winkel zum Bett steht, ist mit einer feinen Bordüre mit vergoldeten Messingknöpfen umrandet. Ein Block des Hotelpapiers liegt für den Gast bereit, Copacabana Palace, Rio de Janeiro steht da in feinen vergoldeten Lettern.
Das Badezimmer ist ein kleiner rechteckiger Raum mit einer kurzen Badewanne, die gleichzeitig als Dusche dient, daneben ein breites Waschbecken, davor Toilette und Bidet. Seife, Shampoo und Gesichtscreme stehen bereit, alle mit dem Emblem des Hotels.
Wenn man aus der Terrassentür auf den Balkon tritt blickt man von oben auf ein blaues Meer, das sich so blau und weit vor einem ausbreitet - wie ein Wunder, das einem zu Füssen liegt. Die Sonne lacht, und da sie vom Meereswasser reflektiert wird, sehen wir ein Echo von Blau und Rot, einen Kanon von Azur und Gold. Der liebe Gott, kommt mir in den Sinn, muss einen verdammt guten Tag erwischt haben, als er diese Stadt erschuf.
Erlöser auf dem Buckel
Da steht er nun seit Jahrzehnten und breitet seine weiten Arme über all die Schönheit und all das Elend dieser Stadt aus. Er segnet die Hütten und Paläste, gibt diesem Moloch seinen Dispens und er thront so hoch über alles und allem, als würde man dieses Rio de Janeiro aus der Luft beobachten. Er ist eine Gestalt, ganz in weiß, der über dem wenigen Grün der auslaufenden Stadt, all dem Häuserteppich und dem leuchtenden Blau der kleinen harmonischen Meeresbuchten Rios strahlt.
Wenn Wolken aufziehen und sich der Nebel auf Eldorado legt, da sieht man, oder vermutet zumindest, dieser Jesus löse sich von der Schwere der Erde und schwebe über den Wolken. Er ist es, der vom Firmament aus dann auf dieses kleine Paradies seinen Blick senkt.
Als sie ihn 1942 dorthin gestellt hatten, da sollte er dieser ausgedehnten Stadt seinen Schutz geben, sie behüten vor den Bosheiten des Erdenlebens und ihren Bewohnern voller Güte den rechten Weg weisen. Und in all den Tagen und Wochen und Jahren seitdem sind unter seinen Armen so viele Tränen geweint, so viele Hoffnungen begraben worden und so viele Schurkereien begangen worden, dass eine Menschengestalt daran verzweifeln würde.
Es sind nicht allein all diese namenlosen Holz- und Blechhüten der favelas, die sich über die Abhänge hinabstrecken, welche dieses Elend ausmachen. Und auch nicht das harte Schicksal der favelados, die froh sind, dass sie ein Dach über dem Kopf haben. Es ist vielmehr das Elend jedes einzelnen Menschen, die er sieht: den achtjährigen Jungen, der am Tag durch die Strassen streunt und Klebestoff inhaliert und der nachts in Hauseingängen schläft und sich aus Schutz vor der prügelnden Polizei mit den anderen Jungs und Mädchen seiner Kindergang wie eine hilflose Schildkröte zusammenkauert. Und er sieht den Bettler, der an den Stränden von Touristen ein paar Dollars zugesteckt bekommt, obwohl man ihm eigentlich gar nichts geben dürfte, damit er nicht mehr verdient als der Handwerker oder der Lastenträger in der Altstadt. Und er sieht den betrunkenen Mann, der seine Frau schlägt und danach das letzte Geld versaufen geht, obwohl die Kinder frische Milch brauchen.
Und da steht er denn, immer aufrecht und kolossal und majestätisch, und er sagt: Ich habe schon so viel Gutes und noch mehr Schlechtes gesehen da unten, nichts Menschliches ist mir fremd und gegen keine Lumperei ist der Mensch gefeit. Er hat jeden Einzelnen der über hundert Mörder gesehen, die an diesem fröhlichen Karneval ihre Opfer gesucht und gefunden haben. Und er kennt auch die Todesschwadron, die nachts Jagd auf Straßenkinder macht und er sieht auch all die korrupten Polizisten, die dagegen nicht einschreiten.
Und für viele der Geschundenen und Elenden ist er der Leuchtturm auf der Klippe, der hinab in den gärenden Alltag des tosenden Moloch strahlt. Ob arm oder reich, ob gut oder schlecht, wenn Euch der Zweifel plagt und die Angst Euch frisst, dann begebt euch unter meine Arme. Ich bin die Hoffnung, die trügt, ich bin die Anmut, die das Hässliche birgt. Ich bin das Licht, das in die Dunkelheit leuchtet. Und er legt seine breiten Arme über die Cariocas und auch über all die Schandtaten und Sünden der Menschen, die da unten ihr kleines Glück suchen und doch nicht finden...
Im Herbst des Patriarchen
Die Passformalitäten bei der Einreise in die Militärdiktatur erweisen sich zunächst als recht langwierig, zumal ich keinen rechten Reisegrund angeben kann. Die Grenzpolizisten arbeiten jedoch nicht übermäßig zielstrebig und auch nicht sonderlich gewissenhaft. Es dauert wohl seine Zeit bis ein passender Platz für den prächtigen Stempel im Pass gefunden ist, und aus dem Gesicht des Beamten will der Ausdruck nicht weichen, er sei dabei, mit der Einreiseerlaubnis für dieses Individuum ohnehin einen schweren Fehler zu begehen.
Wo ich denn ein so gutes Spanisch gelernt habe, bohrt der Passbeamte argwöhnisch nach. En la cama, antworte ich in guter Stimmung, im Bett. Da schaut der Offizier mich mit seinen zerkniffenen Augen groß an, die ernsten Mundwinkel verziehen sich zu einem gönnerhaften Grinsen und es prustet aus ihm hinaus: En la cama, köstlich, en la cama. Und dann haut er mir seinen Macho-Segen kumpelhaft auf die Schulter. „Willkommen in Paraguay!“ So als will er sagen, ein herzliches Grüß Gott im Paradies der Halsabschneider und Frauenstecher, einen Guten Tag im Garten Eden der Spitzbuben und Hurensöhne. Hinter der Grenzstation besteige ich einen alten Bus nach Asunción, wo ich die nächsten Tage verbringen möchte.
Über der Stadt liegt ein tiefer, dunkelgrauer Wolkenteppich, der Regen ankündigt. Militär patrouilliert an allen Ecken und Enden. Paraden, Stechschritte. An Straßensperren winken aufgeblasene Obergefreite die Bewohner und Besucher mit lässig großzügiger Handbewegung durch. Wenn man es nicht wüsste, man würde es fast vermuten: Hier regiert ein Preuße.
In manchem Reiseführer steht, Paraguay sei ein autoritärer Staat, andere nennen das südamerikanische Land einen Polizeistaat oder gar eine Diktatur, aber irgendwie vermögen solche Etiketten den Alltag der dort lebenden Menschen immer nur höchst grob zu umschreiben. Wie dem auch sei, hier in Paraguay haben die Uniformierten das Sagen, es herrscht - wie man so sagt - Ruhe und Ordnung im Lande. Martin Marietta jedenfalls, die Waffenschmiede in Florida, besitzt in Paraguay einen verlässlichen Kunden.
„Vor zehn Jahren stand hier gerade ein Hochhaus“, meint mein drahtiger Hotelportier und schraubt seinen Arm im 160-Grad-Winkel zur funkelnden Skyline des Geschäftsviertels. Ich habe mich in einem der besseren Hotels der Stadt einquartiert, in der Hoffnung, dadurch ein wenig mehr Sicherheit zu genießen. Der erste Bummel durch das Zentrum Asuncións sind für die Augen das, was ein Sodbrennen für den Magen bedeutet. Die Ministerien und Regierungsgebäude sind dem architektonischen Monumentalstil Mussolinis abgekupfert - jedoch so albern, als habe Albert Speer hier lauter Wüstenrot-Häuser hinstellen müssen. Das Land von Paz y Sol, ein Erdstrich voller Friede und Sonne, soll Paraguay in den Augen seiner Generale sein. Inmitten des aufgeregten Treibens in der kolonialen Altstadt Asuncións dreht eine klapprige, morsche Straßenbahn unverzagt ihre Runden.
Die Calle Teniente Farina ist fest in deutscher Hand. Das blau-weiße Silvias Bierstüberl, das Prosit oder das Hummel-Hummel bilden beliebte Treffpunkte der Deutschen in Asunción. Das Hummel-Hummel hat schon bessere Tage gesehen. Die schäbige Kneipe an der 10. Cuadra ist bereits am frühen Nachmittag in ein schummriges Licht getaucht. Rechts von der Theke prangt eine übergroße Fahne mit Kaiseradler und deutschem Kreuz. Gegenüber, gleich neben einem Poster des Kölner Doms, findet sich ein säuberlich gerahmtes Bild mit dem Portrait des Präsidenten Alfredo Stroessner. Zierliche Mestizenmädchen reichen den braungebrannten, hochaufgeschossenen weißen Gästen schwere Bierkrüge. Das Bier heißt hier Munich oder Bremen.
„Auf welchem Tabellenplatz steht Schalke?“, fragt mich Günter, ein schnauzbärtiger Mittvierziger mit lichtem, rotblondem Haar. Günter ist Stammgast im Hummel-Hummel. Ziemlich unten, sage ich, die waren schon mal besser. Günter stellt sich aufrecht vor mich hin. Was ich denn hier in Asunción so mache, fragt er neugierig. Hm, brummele ich verlegen. Günter fällt mir ins Wort. Botschaft und Journalisten möge man überhaupt nicht. Das sei hochgradiges Gesindel. Und aus Günters aufgeplusterter Backe schießt ein Spuckebrei auf den schmierigen Bohlenbelag des Hummel Hummel. Hochgradiges Gesindel, wiederholt mein Gegenüber und mustert mich. Ja, da muss ich ihm zustimmen, ekliges Gesindel...
Die schwarze Seele der Porteños
Wer die lange, breite baumgesäumte Allee von Ezeiza-Flughafen ins Stadtzentrum entlang fährt, der sieht an den grauen Mauern der Fabriken und Häuser recht seltsame Parolen gepinselt. In den allermeisten Metropolen dieses Kontinents findet man mehr oder weniger geistreiche Losungen wie Nieder mit den Bonzen oder Hoch lebe die Partei der Arbeiterklasse oder zumindest Wählt MüllerMeierSchulze. Nicht so in dieser Stadt. Wer sich in den tristen Vororten von Buenos Aires bewegt, der kriegt höchst merkwürdige Sätze zu lesen. Mi General, tu pueblo cumple steht auf den langen Wänden der verfallenden Industrieanlagen, Mein Gereral, dein Volk hält, was es Dir versprochen hat. Oder man kann auf verwitterten Wohnblöcken lesen Siempre contigo, was auf Deutsch denn - fast religiös – meint: Immer mit Dir.
Von diesem General, der dort so hymnisch verehrt wird, erhält man, sollte man Menschen auf der Strasse befragen, höchst widersprüchliche Einschätzungen. Für die einen war er ein Politiker, der viel für das Volk getan hat, einer der für die Blüte dieses Landes gesorgt hat, jemand, dem auch die Armen, die Descamisados - die Hemdlosen - nicht einerlei waren. Für andere bleibt jener Juan Domingo Perón ein ausgekochter Schuft, ein gewissenloser Lump, ein aufgeblasener Operetten-Duce bestenfalls, in jedem Fall ein größenwahnsinniger Parvenue, der das herrliche Land in Grund und Boden gewirtschaftet hat.
Alleine schon der Name von Peróns Partei mutet höchst kurios an. Partido Justicialista nennt sie sich, was flott übersetzt Gerechtigkeitspartei heißen kann, manche sagen - nach europäischem Maßstab wohl Richtung aufrechte Sozialdemokraten, andere meinen, die PJ sei eine typische Klientel-Partei, geführt von sonderbaren Pampa-Caudillos wie Perón oder Carlos Saúl Menem. Wie dem auch sei, sollte es einmal eine Trophäe für den blumigsten Parteinamen Lateinamerikas geben, die Partido Justicialista würde einen hübschen Silberpokal gewinnen - knapp geschlagen von der mexikanischen PRI, der Partei der Institutionalisierten Revolution.
Es gibt wohl keinen Politiker seiner Generation in Amerika, der von seinem Volk noch so verehrt wird wie dieser General Juan Domingo Perón. Nicht Lázaro Cárdenas in Mexiko, nicht Trujillo in der Dominikanischen Republik und auch nicht Franklin Delano Roosevelt in den USA.
Als Perón 1946 zum Präsidenten Argentiniens gewählt wird, regiert er eines der reichsten Länder des Erdballs. Während Europa im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs versinkt, verhelfen Argentinien eine fruchtbare Landwirtschaft und eine fleißige Arbeiterschaft zu nie gekanntem Wohlstand. Denn dieses sonnige Land besitzt alles in Hülle und Fülle: Getreidefelder, soweit das Auge blicken kann, Fischfanggründe im Südatlantik, Zitrusfrüchte im Norden, Erdöl und Mineralien, und vor allem jenes unerschöpfliche Fleischreservoir, für das die ausgedehnten Rinderfarmen im Süden des Landes sorgen.
Doch bei seiner Wiederwahl 1952 hat General Perón durch Enteignung und Verstaatlichung das Land bereits an den wirtschaftlichen Abgrund gedrückt. Statt eines florierenden wirtschaftlichen Wettbewerbs wächst nun die nach Pfründen trachtende Bürokratie, eine Hydra der Korruption, aus deren Fängen sich Argentinien nicht mehr hat befreien können - bis heute. Ein Militärputsch treibt den gescheiterten General 1955 ins Exil. Doch die Erinnerung an die guten Tage der Herrschaft Peróns bleibt bei vielen Argentiniern während der nun folgenden, fast 30 Jahre währenden, blutigen Militärdiktatur wach.
Als Perón 1973 aus seinem Madrider Exil im Triumphzug nach Buenos Aires einzieht, da wird er noch einmal als Heilsbringer gefeiert, obwohl der 78-Jährige da schon nicht mehr seine fünf Sinne beisammen hat. Aber sein Statthalter als Präsident, der sympathische Kinderarzt Hector Cámpora tritt zurück, damit für den greisen General der Weg frei ist. Perón wird mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Mochten auch die Tatsachen noch so gegen diesen Mann sprechen, das Volk liegt ihm abermals zu Füssen. Da interessiert es nicht, dass er ein alter, kranker Mann ist, der nicht mehr die Kraft besitzt zu regieren, da ist es einerlei, dass er seine Frau Isabel, eine ehemalige Nachtklubtänzerin zur Vizepräsidentin des Landes macht, da ist es auch nebensächlich, dass Perón sich mit einer dunklen Clique von Männer wie José López Rega umgibt, den der Volksmund den Hexer nennt. Egal, Schwamm drüber, alles wurscht. Dieser Perón hätte auch einen Besenstiel zum Präsidentschaftskandidaten ausrufen können: der Besenstiel, er wäre gewählt worden. Der Mythos Perón ist einfach stärker als jede Vernunft und jede Erfahrung.
Es kommt, wie es kommen musste. Nach Peróns Tod 1974 übernimmt die Nachtklubtänzerin die Präsidentschaft Argentiniens. Und Witwe Isabelita, die eigentlich Maria Estela heißt, führt das Land nahe an Wirtschaftsbankrott und Bürgerkrieg. Auch sie wird weggeputscht und mit dem Hubschrauber aus der Casa Rosada, dem Präsidentenpalast, geflogen, weil draußen das wütende Volk lauert, das sie am liebsten an den nächsten Baum knüpfen würde. Perons Witwe geht ins Exil, wiederum nach Madrid. Endlich kann dieses peronistische Bienchen seinem liebsten Hobby frönen: mit der philippinischen Präsidentenwitwe Imelda Marcos den Wettbewerb um die extravaganteste Schuh-Garderobe aufzunehmen. Isabelita ist davon. Das Land aber ist, wieder einmal, am Ende. Jetzt kommen wieder die Generäle. Und sie ziehen eine tiefrote Spur durch das Land, die Videlas und Violas, die Menschen aus Hubschraubern ins Meer werfen lassen
Diese sieben Jahre von 1976 an bleiben so düster wie ein infernalisches Bild von Hieronymus Bosch in Erinnerung...
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